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Was ist Industrie 4.0? - Ein Interview mit Business Development-Expertin Katharina Röhrig


Fachleute und Wissenschaftler sprechen seit einigen Jahren von der vierten industriellen Revolution und mahnen, dass die Industrie so schnell wie möglich die nötigen Investitionen und Innovationen tätigen bzw. einführen sollte. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Schlagwort Industrie 4.0? Wikipedia schreibt dazu:

„Industrie 4.0 ist die Bezeichnung für ein Zukunftsprojekt zur umfassenden Digitalisierung der industriellen Produktion, um sie für die Zukunft besser zu rüsten.“

Digitalisierung als Chance und Hemmschwelle

Katharina Röhrig ist Bereichsleiterin des Business Development bei der GFOS mbH und Spezialistin im Bereich Industrie 4.0 und Digitale Transformation.

Der Begriff Industrie 4.0 ging im Jahr 2011 erstmalig durch die Presse. Wo hat er seinen Ursprung?

Katharina Röhrig: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat bereits im Jahr 2006 auf Initiative der Bundesregierung erstmals die sogenannte Hightech-Strategie 2020 vorgestellt. Ziel war es, Deutschland als globalen Innovationsführer zu positionieren und die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik sicherzustellen. Im weiteren Verlauf ist Industrie 4.0 daraus als eines von insgesamt zehn Zukunftsprojekten der High-Tech-Strategie hervorgegangen. 2011 wurde das Konzept von Industrie 4.0 dann erstmalig auf der Hannover Messe der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Definition aus Wikipedia spricht von einem Zukunftsprojekt, jedoch scheint es, dass der Prozess längst begonnen hat. Wie schätzen Sie dies ein?

Katharina Röhrig: Industrie 4.0 ist ursprünglich als Zukunftsprojekt ins Leben gerufen worden. Dies ist mittlerweile aber mehr als 8 Jahre her. Natürlich hat die Einführung von Industrie 4.0-Anwendungen längst begonnen. Dies dauert allerdings deutlich länger als viele es erwartet haben. Industrie 4.0 ist ja kein Produkt, was einfach implementiert werden kann. Es handelt sich um eine grundlegende Umstellung der Fertigung. Eine Öffnung der Unternehmensgrenzen im Sinne eines übergeordneten Datentransfers in Echtzeit. Daher handelt es sich meiner Meinung nach weniger um die häufig zitierte Revolution der Produktion als vielmehr um einen stetigen und evolutionären Prozess.

Was ist Industrie 4.0

© GFOS / Catrin Moritz

Sie haben eine wissenschaftliche Arbeit über die Hemmschwellen von Industrie 4.0 geschrieben. Welche Erkenntnisse konnten Sie gewinnen und wie ist der aktuelle Stand im Prozess der industriellen Digitalisierung?

Katharina Röhrig: Viele der hemmenden Faktoren hängen miteinander zusammen und können unter dem Stichwort der Komplexität zusammengefasst werden, die deutsche Fertigungsunternehmen vor folgende Herausforderungen stellt: fehlende Netzwerkfähigkeit und Konnektivität des bestehenden Maschinenparks sowie die dafür benötigten IT- und Datenspezialisten, verbesserungswürdige IT-Sicherheitsstandards sowie Datenschutzgrundlagen, das Fehlen deutschlandweiter bzw. internationaler Systemstandards zur Betriebsfähigkeit und ganzheitlichen vertikalen und horizontalen Vernetzung von Fabriken, die anfallenden Kosten für neue Technologien und zur Anbindung des bestehenden Maschinenparks, eine optimierungsbedürftige IT-Infrastruktur, eine fehlende ganzheitliche Strategie zur Implementierung neuer Systeme sowie viele weitere Faktoren.
Zu den technologischen Hemmschwellen, die auf Anlagenebene existieren, kommen zudem noch erhebliche psychologische Hürden. Die Verantwortlichen üben sich aufgrund hoher Komplexität und häufig mangelnden IT-Know-hows in Zurückhaltung bei der Einführung der neuen Technologien.

Die Digitale Transformation bietet der Industrie große Chancen im Hinblick auf die Optimierung sämtlicher Produktionsprozesse. Sehen Sie eine konkrete Gefahr, dass bestimmte Branchen oder gar ganze Industrieländer den Anschluss verlieren?

Katharina Röhrig: Diese Gefahr sehe ich durchaus. Ich glaube, dass Deutschland im Speziellen Gefahr läuft, die Trends der Zukunft aufgrund der Erfolge der Vergangenheit zu verpassen. Die deutsche Fertigungsindustrie steht vor verschiedenen Änderungen auf technologischer und struktureller Ebene, angetrieben von der Digitalisierung. Sollte Deutschland nicht in der Lage sein, die nötigen Änderungen und die Öffnung der eigenen Unternehmensgrenzen umzusetzen, kann das bisherige Modell der deutschen Fertigungsindustrie, trotz der Erfolge der Vergangenheit, wahrscheinlich nicht mehr lange im internationalen Markt mithalten.

Welches sind die größten Erfolgsfaktoren, die mit Hilfe von Industrie 4.0-Technologien geschaffen werden und was muss die Industrie tun, um innovativ und konkurrenzfähig zu bleiben?

Katharina Röhrig: Industrie 4.0 verfolgt im Wesentlichen das Ziel, die Effizienz der Geschäftstätigkeit über horizontale Netzwerke zu verbessern und gleichzeitig Prozesskosten einzusparen. Im Idealfall führt dies zu einer völlig neuartigen Wertschöpfung und Transparenz entlang des gesamten Produktlebenszyklus.

Zum Abschluss: Was bedeutet das Schlagwort Industrie 4.0 für Sie ganz persönlich?

Katharina Röhrig: Industrie 4.0 ist kein fest definierter Begriff. Dies war auch eines der erstaunlichsten Ergebnisse meiner Untersuchung. Ich habe zahlreiche namenhafte Experten auf dem Gebiet von Industrie 4.0 befragt, doch ich habe ebenso viele diverse Antworten auf die Frage nach der Bedeutung von Industrie 4.0 erhalten.
Industrie 4.0 kann als Teil des übergeordneten Themas der digitalen Transformation betrachtet werden, das im Allgemeinen die digitalen Veränderungen durch digitale Technologien und Vernetzung in allen Unternehmensbereichen beschreibt.
Um Industrie 4.0 vom übergeordneten Thema der digitalen Transformation abzugrenzen, kann gesagt werden, dass ersteres sich hauptsächlich auf das verarbeitende Gewerbe konzentriert und somit eine smarte Produktion zum Ziel hat. Für mich bedeutet dies im konkreten drei Dinge:

  1. Kollaboration entlang des gesamten Produktlebenszyklus
  2. Ganzheitliche horizontale Netzwerke
  3. Öffnung der Unternehmensgrenzen für Echtzeitdatentransfer

Frau Röhrig, vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.

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