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Mobiles Arbeiten und neue Arbeitsmodelle – ein Interview mit Dipl.-Päd. Sven Hille vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V.

Lebens- und Arbeitsmodelle unterliegen einem stetigen Wandel und der Fachkräftemangel sowie der demografische Wandel erfordern grundlegend neue Konzepte für die Zukunft – das gilt für die Fertigungsindustrie ebenso wie für alle anderen Branchen.

Bei der Wahl des Arbeitgebers spielt u.a. das gebotene Gehalt selbstverständlich eine große Rolle, jedoch wird für viele Arbeitnehmer eine gesunde Work-Life-Balance immer wichtiger. Flexible Arbeitszeiten bekommen mehr Bedeutung und ein Prämien- und Leistungslohnsystem muss nicht mehr alleine auf finanzielle Anreize hin ausgerichtet sein. Tarifliche Regelungen sind weiterhin von großer Bedeutung und großem Wert, aber Konzepte für moderne Arbeitszeitmodelle müssen hier berücksichtigt, entwickelt und eingeführt werden.

Arbeiten 4.0 in der Industrie 4.0

Dipl.-Päd. Sven Hille ist Leiter des Fachbereichs Arbeitszeit und Vergütung beim ifaa - Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. und Experte für Anreiz- und Vergütungssysteme.

Herr Hille, zunächst herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen und mit uns über die Situation und der Herausforderungen in der modernen Arbeitswelt sprechen. Als wie stark und einflussnehmend empfinden Sie theoretische Konzepte wie Smart Office, Arbeiten 4.0 und dergleichen in Bezug auf die tatsächliche Gestaltung von Arbeitszeitmodellen und generell der modernen Arbeitswelt?

Sven Hille: Die Corona-Pandemie mit ihren weitreichenden Auswirkungen hat deutlich gemacht, dass sich orts- und zeitflexible Arbeit zu einer der wichtigsten Formen der Zusammenarbeit entwickelt hat. Nach heutigem Kenntnisstand ist davon auszugehen, dass auch in Zukunft der Anteil der Beschäftigten, die orts- und zeitflexibel arbeiten werden, dauerhaft auf einem höheren Niveau bleiben wird als in den Jahren zuvor. Immer mehr Beschäftigte wollen ihren Arbeitsort, ihre Arbeitszeit und ihre Arbeitsaufgaben selbstständig organisieren und somit das Arbeits- und Privatleben besser miteinander vereinbaren. Wir erwarten, dass orts- und zeitflexible Arbeit immer mehr zum Normalfall für einen großen Teil der Beschäftigten wird. Die technischen Lösungen gibt es ja dazu.

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© ifaa - Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V.

Nun muss man ja ganz klar die grundsätzlichen Möglichkeiten unterscheiden und berücksichtigen: Eine Krankenschwester kann ebenso wenig Homeoffice beantragen wie ein Facharbeiter in einem Fertigungsunternehmen. Sehen Sie hier eine Ungleichheit gegenüber der typischen Bürobeschäftigung oder gibt es Systeme und Anreize, die das Ungleichgewicht ausgleichen können?

Sven Hille: Es wird auch zukünftig Aufgaben geben, die eine Anwesenheit von Beschäftigten im Unternehmen erfordern. Dies gilt in der Industrie natürlich im Schwerpunkt für die Produktionsbereiche. Aber auch hier suchen die Unternehmen bereits nach Arbeitsaufgaben, die auch mobil erledigt werden können, wie zum Beispiel Fertigungsplanungen oder Reparaturen/Wartungen von Maschinen aus der Ferne. Ein völliges Gleichgewicht wird es aber wohl in naher Zukunft nicht geben.

Welche derzeit noch ungenutzten Potentiale für eine möglichst flexible Arbeitszeitgestaltung sehen Sie in der Industrie?

Sven Hille: Circa 70 Prozent der Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie nutzen Arbeitszeitkonten zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Ein großes Potential liegt in meinen Augen in der Flexibilisierung der Schichtarbeit, um hier den Beschäftigten auch die Möglichkeit zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben zu ermöglichen. Hier tauchen jedoch die meisten organisatorischen Schwierigkeiten auf. Allerdings wächst auch hier der Anteil an Teilzeitkräften. Es gibt schon ganze Schichtgruppen, die aus Teilzeitkräften bestehen. Hier sehe ich für Unternehmen und Beschäftigte große Chancen.

Bislang galten der Prämien- und Leistungslohn als sehr effektive Instrumente, um Beschäftigten in der Fertigungsindustrie oder der Logistik Anreize zu schaffen. Lässt sich dieses System Ihrer Meinung nach erweitern und anpassen, sodass es auch für zukünftige Lebens- und Arbeitsmodelle infrage kommt?

Sven Hille: In der Metall- und Elektroindustrie sehen wir einen klaren Trend, der weg vom Leistungsentgelt führt. Zeitentgelt mit individueller Leistungszulage dominiert mit 80 Prozent der Beschäftigten in dieser Entlohnungsform klar diese Branche. Der Faktor Freizeit wird aber zu einem wesentlichen Kriterium in der Entlohnung und der damit zusammenhängen Arbeitgeberattraktivität. Dies zeigen uns Wahlmodelle in Tarifverträgen zum Beispiel bei der Bahn, wo Beschäftigte zwischen der Lohnerhöhung oder zusätzlichen freien Tagen wählen können oder auch tarifliche Möglichkeiten von zusätzlichen 8 freien Tagen zur Pflege oder Kinderbetreuung in der Metall- und Elektroindustrie. Hier haben sogar Beschäftigte in Schichtarbeit besondere Priorität.

Wie sehen Sie den Fachkräftemangel und welche Ansätze und Lösungswege schlagen Sie vor, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu erhalten?

Sven Hille: Der Fachkräftemangel ist in erster Linie ein Thema in ohnehin schon strukturschwachen Regionen. Aber das Thema Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben spielt eine zentrale Rolle bei der Auswahl eines Arbeitgebers. Daher haben Unternehmen mit flexiblen Arbeitszeiten und -formen die besseren Chancen, Ihren Bedarf an qualifizierten Beschäftigten zu decken.

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© Shutterstock

Veränderungen in der Arbeitswelt gibt es aber nicht nur durch möglicherweise fehlende Arbeitskräfte. Die digitale Transformation kommt einer vierten industriellen Revolution gleich und wird ganze Berufsbilder und Branchen nachhaltig beeinflussen. Wo sehen Sie Chancen und wo sehen Sie Risiken im mobilen Arbeiten und der Digitalisierung ganzer Unternehmensbereiche?

Sven Hille: Unsere Gesellschaft befindet sich im globalen und digitalen Zeitalter und im Wandel von einer Industrie- zu einer Wissensgesellschaft. Durch Digitalisierung und Automatisierung werden Berufe verschwinden und andere entstehen mit nie dagewesenen Chancen, den Arbeitsalltag neu zu organisieren. Dieser Umstand lässt sich in nahezu allen Branchen in Deutschland ausmachen. Die Arbeitswelt der Zukunft verändert sich aber nicht nur durch Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung auf der einen Seite, sondern auf der anderen Seite durch den Wertewandel in der Gesellschaft mit dem Streben nach mehr Freiheit und Autonomie, sowie der Erwartung, dass Arbeit zunehmend sinnstiftend ist.

Einschneidende Veränderungen gibt es auch in Krisensituationen, so wie aktuell durch die Coronakrise. Können Sie die Auswirkungen hier schon erkenntnisbringend analysieren und daraus Schlüsse und Visionen für die Zukunft ableiten?

Sven Hille: Laut einer Bitkom-Studie aus dem März 2020 arbeiten momentan 49 Prozent der internetnutzenden Berufstätigen von zu Hause aus. Vor der Corona-Krise seien es circa 35 Prozent gewesen. Hier gibt es sehr unterschiedliche Erfahrungen. Bei den Beschäftigten wurde deutlich, dass nicht jeder zur dauerhaften Arbeit im Homeoffice geeignet ist, da störungsanfällige häusliche Bedingungen vorherrschen. Die technischen, digitalen Medien auf der anderen Seite haben durchaus gezeigt, dass virtuelle Meetings auch effizienter und kürzer durchgeführt werden können – auch auf Dienstreisen kann in gewissem Maße verzichtet werden. Hier ergeben sich aus meiner Sicht noch zahlreiche zeitliche Ressourcen, die effektiv genutzt werden können.

Wird die (Arbeits-)Welt nach Corona eine spürbar andere sein?

Sven Hille: Der Wunsch der Beschäftigten, auch nach der Krise weiterhin von zu Hause aus arbeiten zu können, bleibt bestehen. In der Studie des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt) sind es 68 Prozent, die das Arbeiten von zu Hause in ihrem Job für möglich halten und nach der Krise beibehalten wollen. Die Studienherausgeber sehen in der Krise die Chance für Deutschland, die Digitalisierung schneller voranzutreiben (bidt 2020).
Die Unternehmen kehren langsam in die „Normalität“ zurück und beleben ihre Büros wieder – man spürt es auch auf den Straßen. Wie vor der Krise wird es aus meiner Sicht nicht mehr werden. Wir werden weniger reisen und weniger im Unternehmen präsent sein.

Wir sind gespannt, wie sich die Arbeitswelt weiter verändern wird und welchen Einfluss Technologien und gesellschaftliches Leben haben werden. Herzlichen Dank für das Gespräch und Ihnen alles Gute!

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Die digitale Transformation schreitet voran und Entwicklungen in Industrie 4.0 erfordern auch Innovationen im Bereich der Zeitwirtschaft, der Personalplanung und dem Führen und Binden von Arbeitskräften.

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